In der Zürcher Agglomeration in Regensdorf, an der Schnittstelle zwischen Stadt und Land, entsteht auf einem ehemaligen Industriegelände Schritt für Schritt ein eigenständiges Quartier. Es ist die derzeit grösste Neubausiedlung im Zürcher Unterland – mit Wohnungen, Gewerbeflächen, Freiräumen und Treffpunkten für die Bevölkerung. Zwhatt gilt als Vorzeigeprojekt für nachhaltige Entwicklung und zeitgemässen Städtebau. Die Planung begann 2018, der Spatenstich erfolgte 2022. Bis 2030 soll das gesamte Areal bebaut sein. Der öffentlich genutzte Pavillon, in dem sich ein Café, einen Mehrzwecksaal und eine Sauna befinden, ist nicht das auffälligste Zwhatt-Gebäude – die beiden bereits fertiggestellten Hochhäuser und die weitläufigen Quer-und Längsbauten wirken aufgrund ihrer Dimensionen markanter. Dennoch hat der Pavillon in diesem Ensemble eine Schlüsselrolle inne.
Mit seiner Fassade, an der vorgefertigte Betonelemente installiert wurden, ist der Pavillon ein charakteristischer Punkt am Eingang des neuen Areals. Denn in kleinem Massstab zeigt dieses von Studio Märkli initiierte Projekt beispielhaft, wie wir kreislauffähig und zugleich kreativ bauen können. Fast alle beim Bau des Zwhatt-Pavillons verwendeten Materialien können am Ende der Lebensdauer in den Stoffkreislauf zurückgeführt werden.
Re-Use als Prozess
Betrachtet man das Betonkleid des Pavillons genauer, fällt auf: Einige der hier verbauten Elemente wirken neu, andere weisen Spuren der Verwitterung auf. «Das ist durchaus beabsichtigt und hat ästhetische Gründe», sagt Daniela Lindner von Studio Märkli, die den Bau des Pavillons als mitverantwortliche Projektleiterin begleitet hat. «Ursprünglich sollte die gesamte Fassade mit historischen Elementen ausgeführt werden, weil das eine starke Wirkung hat. Doch der Lauf der Geschichte, genauer gesagt der Krieg in der Ukraine, kam dazwischen.» Die Zahlung nach Russland sei bereits zuvor erschwert gewesen, und der Zoll wurde geschlossen. Wie Daniela Lindner ausführt, ist die Entstehung des Pavillons daher in erster Linie als Prozess zu verstehen. «Weil sich die Rahmenbedingungen änderten, haben wir laufend Anpassungen vorgenommen.»
Ein Zaun wird zu Kunst
Angefangen hat alles damit, dass Architekt Peter Märkli, Inhaber des Studio Märkli, für dieses Projekt den russischen Künstler Alexander Brodsky beizog, den er persönlich kennt und dessen Wirken er schätzt. Die Anfrage umfasste den Entwurf zweier Pavillonbauten auf dem Areal und einen Vorschlag zur Nutzung, um das öffentliche Leben im Zwhatt-Areal zu bereichern. Brodsky habe daraufhin vorgeschlagen, einen Pavillon in Regensdorf auf ähnliche Weise zu konstruieren wie die von ihm gestaltete Villa PO-2 in Russland. Diese wurde 2018 fertiggestellt, und die dahinterstehende Idee entsprang Brodsyks Faszination für die Weiterverwendung von alten sowjetischen Zaunelementen, Modell PO-2. Solche bestehen aus Beton und dienten ursprünglich als Abgrenzung von Gewerbegebieten und Bahngleisen oder als Umrandung von Schulhöfen. Bis heute sind sie zahlreich erhalten. «Ihre Patina ist einzigartig», schwärmt auch Daniela Lindner. Dieser Aspekt sei schliesslich bei der Planung im Zentrum gestanden: Die Spuren des Lebens, welche dem Bau seinen Charakter verleihen. Kombiniert mit dem hierzulande überraschend wirkenden Design, der Imperfektion, die man vor allem dann schätzt, wenn man die Hintergründe kennt.
«Pragmatisch weiterarbeiten»
Schliesslich entschieden die Initianten des Zwhatt-Pavillons, historische Elemente aus Russland in die Schweiz zu importieren. Im Februar 2022, kurz vor Kriegsbeginn, trafen zwölf Musterbauteile ein. «Danach wurde es von einem Tag auf den anderen unmöglich, an weitere originale Elemente heranzukommen, von denen wir eigentlich knapp 100 benötigt hätten», berichtet Daniela Lindner. Sie und ihr Team suchten nach einem Plan B und fanden die ideale Lösung in der Zusammenarbeit mit der Kunstgiesserei St.Gallen und Alexander Brodsky sowie in der Ausführung mit der Stüssi Betonvorfabrikation AG. «So konnten wir auf pragmatische Weise weiterarbeiten und trotzdem teilweise am Konzept Re-Use festhalten, das uns viel bedeutet.»







Restauriert – und ergänzt
Bei den elf historischen Elementen, die nun am Pavillon besonders ins Auge stechen, handelt es sich um die Musterbauteile – ursprünglich waren es zwölf, aber eines wurde im Verlauf der Arbeiten so sehr beschädigt, dass es nicht verwendet konnte. Bevor sie installiert werden konnten, mussten die rund 40 Jahre alten Stücke aufwändig begutachtet und sorgsam ausgebessert werden. «Es galt, die Ästhetik beizubehalten und den Ansprüchen des Unternehmers an Sicherheit zu genügen», erzählt die Architektin. Alexander Brodsky nahm selbst eine erste künstlerische Restauration in der Kunstgiesserei in St.Gallen vor. Anschliessend kamen die Experten der Stüssi AG zum Einsatz. Sie kümmerten sich in ihrem Werk in Dällikon um die minimale Sanierung des Re-Use-Materials. Zusätzlich bestand ihr Auftrag darin, als Ergänzung Dutzende weitere Elemente aus Beton im gleichen Stil zu fertigen – eine Premiere, denn einen vergleichbaren Auftrag gab es zuvor noch nie.
Gestaltung gemäss Plan
«Für den Nachbau erstellten wir einen Katalog mit verschiedenen Typen und Reliefs anhand des Entwurfes von Alexander Brodsky, die sich am historischen Material orientieren und dennoch eigenständig sind», sagt Daniela Lindner. Die Grundmasse der Elemente betragen zweieinhalb mal zweieinhalb beziehungsweise drei Meter, und jedes Teil wiegt rund eine Tonne. «Die minimalste Stelle weist eine Dicke von nur fünf Zentimetern auf», fügt Steve Roth an, der ebenfalls beim Studio Märkli engagiert ist und das Pavillon-Projekt mitgeleitet hat. «Möglich war diese schlanke Bauweise unter anderem dank einer Armierung mit Chromstahleisen.»
Die Montage der Betonteile an der Stahlkonstruktion dauerte zwei bis drei Wochen. Bei der Anordnung haben sich die Architekten an einem Plan orientiert. Dass die alten Elemente nun mehrheitlich in Bodennähe platziert sind, wurde aufgrund der Sicherheit so entschieden, «denn statisch war der Bau eine Herausforderung, auch wenn die Betonfassade nicht tragend ist», erklärt Steve Roth.
Symbolisch stark
Der Fokus auf die Vorproduktion ist gemäss Steve Roth und Daniela Lindner eine logische Folge davon, dass auch die sowjetischen Teile einst so entstanden sind. Mit dem Zwhatt-Pavillon, wie er sich heute präsentiert, sind beide Projektleitenden zufrieden. Daniela Lindner räumt allerdings ein, dass sehr viel Ausdauer nötig war, um die Re-Use-Teile gemeinsam mit der Bauherrschaft und der Kunstgiesserei St. Gallen zur erhalten und ihre Verwendung gegenüber weiteren Anspruchsgruppen zu rechtfertigen. «Nicht allen Menschen sagt das kombinierte Erscheinungsbild zu», sagt sie. «Auch wenn die Fassade von manchen als nicht schön empfunden wird, kann die Architektur verstanden werden.» Steve Roth betrachtet das Pavillon-Projekt ebenfalls als gelungen: «Nun, da wir unterschiedliche Elemente verwendet haben, passt das Ganze sogar noch besser zu Zwhatt. Unsere Betonfassade steht symbolisch für die Vielfalt, die dieses Quartier auszeichnet.»
Videos
Die Stüssi AG hat ihre Mitwirkung am Pavillon sowie die Zusammenarbeit mit Architekt Peter Märkli und dessen Team in mehreren Videos dokumentiert. Die unten aufgeführten Aufnahmen vermitteln viel Wissenswertes über Erfahrungen mit Re-Use-Betonelementen und über den nicht alltäglichen Entstehungsprozess.
Re-Use im Bauen: Handling von alten Elementen
Planungsleiter Alexander Stüssi von der Stüssi AG zeigt in diesem Video auf, nach welchen Kriterien die historischen Bauteile bewertet und bearbeitet wurden.
Alt und neu kombiniert? Perfekt getaktete Fassadenmontage
Diese Aufnahmen zeigen, wie die Montage der alten und neuen Elemente an der Fassade des Pavillons ablief.
Drei Gespräche mit Peter Märkli
Hier gibt der Architekt Auskunft über sein Fachgebiet, seine Beweggründe und den Bezug zu den Re-Use-Betonelementen.
Zwhatt-Areal: Zeitgemässer Lebensraum
Zwhatt ist ein neues Stadtquartier, das derzeit beim Bahnhof Regensberg-Watt in der Zürcher Agglomeration erstellt wird. «Gebaut für die Menschen von heute – gedacht für jene von morgen», wie es in der Projektausschreibung heisst. Hier, an verkehrstechnisch optimal erschlossener Lage, entstehen mehr als 600 Mietwohnungen sowie 15’000 Quadratmeter Fläche für Büros und Gewerbe.
Zwhatt bietet Raum für unterschiedliche Wohn- und Lebensformen, und die Bauten lassen sich vielseitig nutzen. Ein eigenständiges Objekt nach dem anderen fügt sich dem Ganzen hinzu. Dabei hat die Architektur und damit verbunden die optische Wirkung stets eine prägende Rolle inne.
Im Hinblick auf die Nachhaltigkeit achteten die Verantwortlichen von Zwhatt bereits beim Bau der Immobilien darauf, sparsam und bewusst mit den Ressourcen umzugehen. Auch ein Holz-Hybrid-Hochhaus gehört zur Siedlung – das verwendete Baumaterial stammt aus der Schweiz.
Die Betreiber von Zwhatt setzen zudem auf Grundwasser als Hauptenergieträger. Für die Versorgung mit Strom sind die Dächer und zahlreiche Fassaden der Neubauten mit Photovoltaik-Anlagen ausgestattet.

