Ist eine substanzielle Veränderung in der Denkweise erforderlich, um eine CO₂-reduzierte Bauweise in Beton umzusetzen? Um diese Frage ging es bei der Planung und beim Bau der Wohnsiedlung Hard in Zürich, an der unter anderem Vertreter der Betonvorfabrikation mitwirkten. Die Beteiligten kamen zum Schluss, dass die Antwort ein klares Ja ist. «Ja im Sinne eines Denkens in Möglichkeiten», sagt André Bischof, Leiter Verkauf und Marketing sowie Mitglied der Geschäftsleitung der Element AG. Denn dieser Auftrag sei eine ideale Ausgangslage gewesen, um weiter zu ergründen, welche Chancen die bewährte Vorfertigung bietet – und darauf aufzubauen. Dies im Sinne der Kreislaufwirtschaft, mit dem Einsatz von rezyklierten Materialien im realen Bauumfeld. «Dass Recyclingbeton verwendet wird, war Teil der Nachhaltigkeitsziele des Gesamtprojekts», fügt André Bischof an.
Unsichtbarer Unterschied
Bemerkenswert ist, dass die Arbeiten für die Wohnsiedlung Hard mit ihren bis zu 21 Stockwerken äusserst umfangreich waren: Rund 1700 Fassaden- und Rahmenelemente stellten die Fachleute dafür her. Die Installation übernahm die werkseigene Montageabteilung. Den Vorproduzenten gelang es in enger Zusammenarbeit zwischen Planung, Produktion und Qualitätssicherung und dank langjähriger Erfahrung, eine geeignete Betonrezeptur mit hohem Recyclinganteil zu entwickeln.
Zum Einsatz kam ein EPD-zertifizierter Recyclingbeton, kurz RC-Beton. Das ist ein ressourcenschonender Baustoff mit aufbereitetem Betonabbruch und Mitschabbruch sowie klinkerreduziertem Zement. Die exakte Zusammensetzung und die Herkunft der Rohstoffe wird, wie auch sonst üblich, nicht bekanntgegeben. «Wie bei allen anspruchsvollen Sichtbetonprojekten war es entscheidend, dass wir eine konstant hohe Qualität sicherstellen können. Die Bauteile müssen dauerhaft sein und die architektonischen Vorgaben erfüllen, zum Beispiel in Bezug auf die Beschaffenheit der Oberfläche», sagt André Bischof. Hier komme es auf die gleichbleibende Qualität der Ausgangsstoffe an und darauf, dass alle normativen Anforderungen eingehalten werden. Das alles sei mit Recyclinganteil ebenso möglich wie mit einer herkömmlichen Mischung. «Auch diese Elemente sind dauerhaft, funktional und ästhetisch. Der Betrachter erkennt in der Regel keine wesentlichen optischen Unterschiede.»
Vorfabrikation beschleunigt Abläufe
Dass die verantwortlichen Architekten von Morger Partner auf die Betonvorfertigung gesetzt haben, beruht darauf, dass diese sowohl nachhaltig, beständig und wirtschaftlich effizient ist (siehe: untenstehendes Interview). So können die Abläufe beschleunigt werden. «Das Potenzial liegt in der Reduktion und der Wiederverwertung von Primärrohstoffen», erklärt André Bischof. «Die BIM-gestützte Planung und ein gut abgestimmtes Schnittstellenmanagement mit den beteiligten Betrieben unterstützte den effizienten und nachhaltigen Bauprozess von der Idee bis zur Umsetzung.»
Ästhetik und Nachhaltigkeit vereint
Unterdessen ist die gesamte Überbauung fertiggestellt und die Flächen mit 197 Wohnungen, 10 Gewerberäumlichkeiten und 8 Ateliers sind vermietet. Wie dieses Beispiel zeigt, spielt die Kreislaufwirtschaft heute mehr denn je eine prioritäre und zentrale Rolle bei der Wahl von Baustoffen. Hochwertige Fertigteile mit Recyclingbeton werden auch bei ästhetisch anspruchsvollen Anwendungen und grossen Aufträgen eingesetzt. Da die Bauten der Wohnsiedlung Hard weitläufig sind, kann davon ausgegangen werden, dass es sich hier um eine der imposantesten Fassaden mit Elementen aus Recyclingbeton handelt, die es derzeit in der Schweiz gibt.
«Sichtbare Vielfalt einer Einheit»
Das Gestaltungskonzept für die Siedlung Hard stammt vom Team der Morger Partner Architekten aus Basel. Im Interview erklärt Henning König, verantwortlicher Partner, , welche Vorteile die Betonvorfertigung mit sich brachte und warum auf Recycling gesetzt wurde.
Henning König, warum hat Morger Partner Architekten bei der Fassade auf die Betonvorfertigung gesetzt?
Wir haben uns für die Vorfertigung entschieden, da diese Bauweise mehrere Anforderungen zugleich erfüllt. Die vorfabrizierten Betonelemente zeichnen sich durch eine hohe Dauerhaftigkeit und Robustheit aus, was dem Charakter des Ortes entspricht und sie natürlich auch im Unterhalt nachhaltig macht. Gleichzeitig ermöglicht eine qualitativ hochwertige Vorfabrikation unter kontrollierten Bedingungen im Werk eine zügige Montage vor Ort. So trägt sie zu einem effizienten Bauablauf bei. Hinzu kommt, dass die Betonrahmen mit ihren variablen Füllungen architektonisch prägend sind und den Charakter des Gebäudes wesentlich mitbestimmen.
Warum kam Recyclingbeton zum Einsatz?
Recyclingbeton war für uns ein wichtiger Beitrag zur Schonung von Primärressourcen und zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft. Seitens der Bauherrschaft war für das Projekt ein Anteil von 25 Prozent Recyclingbeton vorgegeben. Dieser Anteil kam sowohl beim Rohbau als auch bei den Fassadenelementen zum Einsatz.
Welche ästhetischen Ansprüche hatten die projektverantwortlichen Architektinnen und Architekten bezüglich der Fassade?
Die Fassade nimmt Bezug auf die industrielle Geschichte von Zürich-West und führt zugleich die unterschiedlichen Nutzungen des Projekts in einer gemeinsamen architektonischen Sprache zusammen. Prägend ist eine vorgefertigte Betonrahmenkonstruktion, deren Elemente mit unterschiedlichen Füllungen dem Gebäude seinen charakteristischen Ausdruck verleihen. So entsteht eine Fassadengestaltung, die die Idee der «Vielfalt in der Einheit» sichtbar macht.
Wie gefällt Ihnen und Ihrem Team das Resultat?
Wir finden, dass sich der Neubau in seiner Form schlüssig aus dem Bestand entwickelt und dessen Charakter in einer eigenständigen architektonischen Sprache weiterführt. Städtebaulich überzeugt neben dem neu entstandenen Ensemble aus Swisscomtower, Escherterrassen und den Hochpunkten des Depot Hard, besonders der Hofraum zwischen den flankierenden Townhouse-Strukturen. Als grüne Freiraumoase schafft er inmitten der pulsierenden urbanen Umgebung einen Ort für Aufenthalt, Rückzug und Begegnung und bildet damit das soziale Zentrum der Siedlung.
Wohnsiedlung und Tramdepot Hard
Auf dem Areal des Tramdepots Hard beim Escher-Wyss-Platz in Zürich wurde von 2021 bis 2026 zusätzlicher Wohnraum für über 500 Menschen geschaffen, ergänzt durch neue Gewerbe- und Dienstleistungsräume. Dies, um das Gelände im Sinne des verdichteten Bauens optimal zu nutzen und dem gesetzlichen Auftrag zur Förderung gemeinnützigen Wohnraums nachzukommen.
Die Nachhaltigkeit hat beim gesamten Projekt einen hohen Stellenwert. Sämtliche Neubauten sind nach dem Minergie-ECO-Standard geplant. Ausserdem wurden auf den Dächern biodiversitätsfördernde Dachlandschaften realisiert sowie eine Photovoltaikanlage erstellt. Sie liefert Solarstrom für den Betrieb der Siedlung und deckt einen Teil des Eigenverbrauchs der Mieterschaft. Zur Versorgung mit erneuerbaren Energien wurde die Überbauung an das Fernwärmenetz angeschlossen.
Das ursprüngliche Tramdepot, das den Kern der Anlage bildet, stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Es ist denkmalgeschützt und wurde im Zuge der Umgestaltung teilweise instandgesetzt und modernisiert. Hinzu kam eine moderne Depothalle mit Abstellplätzen für 25 Tramkompositionen, inklusive Werk- und Diensträumen für die Verkehrsbetriebe Zürich. Entlang der nahen Limmat entstand zudem ein neuer öffentlicher Fuss- und Veloweg mit einem kleinen Park.





















