Tivadar Puskas, dieses Jahr sind Sie Vorsitzender der Jury beim Prix SIA – was möchten Sie in diesen Wettbewerb mit einbringen?
Mein Ziel ist es, die Baukultur zu fördern und das gegenseitige Verständnis zwischen Architektur und Ingenieurwesen zu stärken. Der Prix SIA ist kein reiner Architekturpreis, sondern zeichnet interdisziplinäre Projekte aus. Diese sollen Impulse für nachhaltiges und intelligentes Bauen setzen und für die zukünftige Zusammenarbeit wegweisend sein.
Nachhaltigkeitskriterien sind heute omnipräsent. Doch sie haben sich in der Baubranche eher spät durchgesetzt. Warum?
Nicht nur die Baubranche hat sich damit Zeit gelassen. Auch in der Gesellschaft ist das vollumfängliche Bewusstsein, dass dringend etwas geschehen muss, erst in den letzten Jahren gewachsen. Es wird wärmer und es kommt zu mehr Starkregen und damit verbundenen Naturereignissen wie Überschwemmungen, Murgängen und Felsstürzen. Damit steigt der Druck, nachhaltiger zu handeln – auch beim Bauen.
Welche Rolle spielt die Materialindustrie?
Eine grosse. Die Holzbranche argumentiert schon länger mit Nachhaltigkeit. Aber auch die Zementhersteller haben in den letzten zehn Jahren grosse Fortschritte gemacht. So lässt sich der CO₂-Fussabdruck mit modernen Zementmischungen um bis zu 40 Prozent reduzieren.
Materialtechnisch sind also Lösungen vorhanden. Woran scheitert es dennoch?
Leider meist am Geld. Der ökonomische Druck bleibt bestehen. Und am Ende entscheidet stets die Bauherrschaft. Sie muss aktuell noch bereit sein, etwas mehr zu bezahlen. Beim Beton sprechen wir vielleicht von rund fünf Prozent Mehrkosten. Dafür braucht es ein Umdenken. Langfristig sollte das Ziel jedoch sein, dass nachhaltiges Bauen nicht teurer ist.
Wo sehen Sie den grössten Hebel dafür?
Beim Erhalt der bestehenden Bausubstanz. Wir sollten immer zuerst überlegen, wie wir den Bestand fit für eine neue Nutzung machen können, anstatt ihn zu ersetzen. Zudem müssen wir lernen, materialeffizienter zu planen, etwa durch schlankere Konstruktionen. Hier können wir uns einiges von der Geschichte abschauen. Bereits in den 1950er-Jahren haben Bauingenieure wie Luigi Nervi durch die Struktur und Formgebung von Beton Spannweiten überbrückt, anstatt mit Masse zu arbeiten. Das war damals eine ökonomische Überlegung. Das Material war teurer, die Arbeit hingegen günstig. Heute ist es umgekehrt.
Wie lassen sich solche Ideen konkret umsetzen?
Indem wir intelligenter planen. Sowohl, wenn es um schlankere Konstruktionen geht, als auch bei der längeren Nutzung der Materialien. Beton kann bis über 100 Jahre halten. Technische Installationen hingegen haben eine viel kürzere Lebensdauer. Deshalb sollten sie möglichst von den tragenden Strukturen getrennt werden. So muss bei einer Sanierung nicht gleich das gesamte Bauwerk verändert werden.
Sie sprechen oft davon, «in Bauteilen zu denken». Was meinen Sie damit?
Zum einen genau das: die Trennung von dauerhaften Bauteilen und kurzlebiger Technik. Zum anderen sollten Gebäude so geplant werden, dass Bauteile später demontiert und wiederverwendet werden können.
Welche Rolle spielt die Betonvorfabrikation?
Vorgefertigte Bauteile – egal aus welchem Material – eignen sich sehr gut für solche Ansätze. Sie ermöglichen präzise, schnelle und witterungsunabhängige Bauprozesse. Bei der Betonvorfabrikation kommt hinzu, dass sich grosse Spannweiten mit relativ wenig Masse überbrücken lassen. Ausserdem lassen sich mit Betonbauteilen ideale Formen und Strukturen gestalten, die durch ihre Formgebung den Beanspruchungen entsprechen.
Wo sehen Sie weiteres Potenzial für die Branche der Betonvorfabrikation?
Eine grosse Chance eröffnet sich aus meiner Sicht für Produzenten, die innovativ sind und neue, ökologische Rezepturen entwickeln. Traditionell wird in der Branche aufgrund der Beanspruchung mit sehr festen Betonarten gearbeitet. In Zukunft könnten neben der spezifischen Formgebung auch klinkerarme Zemente sowie die einfache Rückbaubarkeit der vorgefertigten Elemente das Zünglein an der Waage spielen.
«Gerade weil technische und ökologische Aspekte zunehmend an Bedeutung gewinnen, können wir Ingenieure konstruktive Impulse liefern.»
Tivadar Puskas, Bauingenieur
Sie setzen sich auch für Hybridbauten ein. Warum sind diese so sinnvoll?
Weil wir so das geeignete Material am richtigen Ort einsetzen können. Der Mensch hat breite Schultern und dünne Finger. Warum ist das so? Weil die Struktur unseres Körperbaus funktional optimiert ist. Das sollten wir uns auch beim Bauen vergegenwärtigen und zum Beispiel Holz oder Stahl in der Zugzone und Beton in der Druckzone einsetzen. Beton kann zudem akustischen und thermischen Schutz bieten. Es ist kein Zufall, dass man in Erdbebengebieten wie Japan vorwiegend hybrid und leicht baut.
Zu Ihrem Beruf: Als Ingenieur stehen Sie selten im Rampenlicht, obwohl Sie entscheidend an Projekten beteiligt sind. Ist das nicht etwas frustrierend?
Nein, weder unser Auftritt noch unsere Arbeit sind frustrierend, wir verstehen uns als Partner auf Augenhöhe. Architekten stehen meist im Vordergrund, das stimmt. Sie zeigen die Tendenzen auf, wie in der Mode. Sie gestalten den Stadtraum und kreieren mit ihrer Formensprache das Gebäude und den Raum. Unser Beitrag ist auf den ersten Blick weniger greifbar, aber entscheidend für Funktionalität, Sicherheit und Nachhaltigkeit. Gute Projekte entstehen im Dialog: Lösungen werden immer im Team entwickelt. Gerade weil technische und ökologische Aspekte zunehmend an Bedeutung gewinnen, können wir Ingenieure wichtige, konstruktive Impulse liefern.
Short Cuts
«Die Monte Rosa Hütte ist eines meiner Lieblingsprojekte. Sie ist energieautark und hat einen ganz spezifischen Kontext. Es ist ein Ort, an den ich immer noch sehr gerne und immer wieder hinreise.»

Bild: zVg Schnetzer Puskas Ingenieure
«Einige Brücken gehören zu meinen Lieblingsbauten. Zum Beispiel die Salginatobelbrücke von Robert Maillard. Ein wunderschöner Stahlbetonbau von 1930.»

Bild: ©Wikimedia Commons, Ikiwaner
«Ein Flughafengebäude wäre sehr spannend. Es hat neben der architektonischen Ausgestaltung mit Umweltfragen, grossen Spannweiten, Personenflüssen und Logistik zu tun und hat somit einen durch und durch interdisziplinären Charakter.»
Und nun eine persönliche Frage: Sie haben einen berühmten Namensvetter, den Ingenieur Tivadar Puskás, der die Telefonzentrale erfunden hat. Was verbindet Sie mit ihm?
Er war eindeutig der Innovativere (lacht). Unser «Hallo» soll ja vom Ungarischen «Hallom» kommen, was «Ich höre» oder «Hörst du?» bedeutet. Also genau von der Telefonzentrale, die mein Namensvetter gebaut hat. Doch es ist ein reiner Zufall, dass wir gleich heissen. Mein Vater kam als ungarischer Geflüchteter in die Schweiz und war übrigens ebenfalls Bauingenieur.
Zum Schluss, wie stellen Sie sich die Bauwelt der Zukunft vor?
Ich wünsche mir mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit und viele Impulse, um neue Wege zu gehen. Die Planenden der Zukunft sollen mutig, neugierig und innovativ sein und Dinge ausprobieren. Wir werden hoffentlich mit weniger Material bauen und gleichzeitig stärker auf das Klima, auf Freiräume und die Natur achten. Wir müssen versickerungsfähige Böden und Grünflächen, beispielsweise städtische Pocket Parks, von Beginn an mit einplanen. Dabei sollte neben dem Bauwerk auch der landschaftliche oder städtische Kontext in die Planung einbezogen werden. Die Balance zwischen Gebautem und der Natur ist von existenzieller Bedeutung.
Prix SIA
Mit dem Prix SIA würdigt der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein innovative und interdisziplinäre Projekte und Prozesse im Bereich der Baukultur. Die Jury setzt sich aus Expertinnen und Experten zusammen, die sich durch ihre Sensibilität für eine hochwertige Baukultur und durch ihr Engagement für eine nachhaltig gebaute Umwelt auszeichnen. Im laufenden Wettbewerb wurden 183 Projekte eingereicht. Ende März werden die nominierten Projekte präsentiert und im April findet das Publikums-Voting statt. Der Prix SIA wird alle zwei Jahre verliehen und im Juni 2026 zum zweiten Mal vergeben.
Tivadar Puskas
Tivadar Puskas ist Bauingenieur und Partner bei Schnetzer Puskas Ingenieure. Nach einer Lehre als Tiefbauzeichner studierte er an der HTL Burgdorf und der ETH Zürich. Zu seinen prägenden Projekten zählen das Ando-Gebäude auf dem Novartis Campus, der Umbau des Transitlagers Dreispitz und das SQUARE-Gebäude der Universität St.Gallen. Aktuell leitet er die Erweiterung der Fondation Beyeler, das Technologiezentrum in Laufenburg und die Neugestaltung der Schweizergardekaserne im Vatikan. 2024 veröffentlichte er mit Dino Simonett das Buch «Balanced Structures by Schnetzer Puskas». Tivadar Puskas ist Gastkritiker an der ETH Zürich und der Accademia di Architettura Mendrisio und engagiert sich im Stiftungsrat des S AM Schweizerisches Architekturmuseum.

