Die Testfläche befindet sich mitten in Oerlikon – in unmittelbarer Nachbarschaft von Hallenstadion, Theater 11 und offener Rennbahn. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie ein gewöhnlicher Parkplatz. Die Besonderheit zeigt sich erst beim Blick von oben: Ein Teil erinnert aus der Vogelperspektive an eine Patchwork-Decke mit Flicken in Grau-, Grün- und Brauntönen und unterschiedlichen Mustern. Das sind die rund 80 Parkfelder mit verschiedenen Belägen – von Betonpflastersteinen über Naturpflastersteine bis hin zu Kies- und Schotterrasen.
Bunte Fläche mit viel Potenzial
Das Tiefbauamt der Stadt Zürich testet hier verschiedene Oberflächenbeläge und Unterbauten, um herauszufinden, welche Bauweisen Wasser besser versickern lassen und Hitze reduzieren. Das Pilotprojekt ist Teil der «Fachplanung Hitzeminderung», welche die Stadt Zürich als Antwort auf vermehrte Wetterextreme wie Starkregen und Hitzewellen ausgearbeitet hat. Denn versiegelte Flächen wie Strassen oder Parkplätze speichern Wärme und werden zu Hitzeinseln. Gleichzeitig kann Regenwasser nicht mehr versickern, mit der Folge, dass die Kanalisation bei Starkregenereignissen überlastet wird. Mit dem Entsiegeln und Begrünen von Flächen versickert Regenwasser wieder lokal und kühlt beim Verdunsten die Umgebung. Die Vorteile: ein angenehmeres Stadtklima, bessere Lebensqualität, weniger Überhitzung, genug Wasser für Pflanzen und gefüllte Grundwasserspeicher.
Dieses sogenannte Schwammstadt-Prinzip wird auch beim Parkplatz-Projekt in Oerlikon getestet. Fünfzehn verschiedene versickerungsfähige Oberflächen wurden auf drei unterschiedlichen Fundationsschichten verbaut. Dabei variierte man auch Fugenbreiten, Fugenmaterial, Vegetationssubstrate und Saatgut.





Wissenschaftliche Erkenntnisse unter realen Bedingungen
«Bei der Auswahl der Oberflächenarten wurde darauf geachtet, welche Produkte in der Stadt bereits im Einsatz sind und sich bewährt haben», sagt Ivan Lötscher vom Landschaftsarchitekturbüro S2L, das den Versuch im Auftrag des Tiefbauamtes der Stadt Zürich durchführt. Die Auswahl für das Pilotprojekt zeigt darum nur einen Bruchteil der verfügbaren Produkte und Materialien. Bei den Betonpflastersteinen wurden gängige Produkte ausgesucht: drei Betonpflaster, zwei Rasengitter, ein Rasenliner und ein Ökoverbundstein. Die Stadt Zürich setzt allerdings eher auf Natursteine. «Darum hat ein Produzent extra für das Projekt einen kleineren Stein entwickelt, der ähnlich wirkt wie eine Natursteinpflasterung», verrät der Planer.
Vergleichbare Projekte gibt es auch in anderen Städten wie Basel oder Bern. Der Zürcher Versuch ist in Umfang und Vielfalt schweizweit jedoch einzigartig. Entsprechend gross ist das Interesse. Ivan Lötscher führt regelmässig Studierende, Fachplanerinnen und -planer oder Interessenten aus anderen Ortschaften über die Testfläche. Auch die Produzenten von Belägen und Fugenmaterial verfolgen das Pilotprojekt aufmerksam. «Die Materialien, die sonst vor allem im Labor getestet werden, müssen sich hier in einem mehrjährigen Feldversuch unter realen Bedingungen beweisen», erklärt der Landschaftsarchitekt.
Für die Datenerhebung arbeitet S2L mit der Forschungsgruppe für Pflanzenverwendung von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zusammen. Die Temperaturen werden mit Infrarotkameras – unter anderem per Drohne – erfasst. Ausserdem messen die Forschenden die Versickerungsfähigkeit der gut 80 Testparkplätze und beobachten die Entwicklung der Vegetation.
Wissenschaftlich fundierte Übersicht
Nun liegt der erste Zwischenbericht zur Testfläche vor. Er wartet mit folgendem Fazit auf:
- Helle Natursteinpflaster und begrünte Beläge wirken sich am günstigsten auf das Stadtklima aus.
- Die Versickerungsleistung hängt stark von der Fugenbreite, dem Fugenmaterial sowie der Pflege ab.
- Organische Substrate fördern das Pflanzenwachstum, neigen jedoch zu Verschlämmung und Erosion.
Bei den Betonsteinen zeigte sich, dass sich ein heller Vorsatz – also eine hellere obere Schicht – kombiniert mit einem porösen Kernbeton weniger stark aufheizt als herkömmliche Steine. Rasengittersteine und -liner, die dicht bewachsen sind, erwärmen sich weniger, da die Vegetation in den Fugen unter anderem den Beton abdeckt. Durch die Verdunstung kühlt sich die Oberfläche messbar ab. Entscheidend ist ein guter Bewuchs.
In die Bewertung der rund 80 Testflächen flossen neben der Oberflächentemperatur und Versickerungsfähigkeit auch gestalterische, ökologische und finanzielle Aspekte ein. Berücksichtigt wurden ausserdem der Pflege- und Reinigungsaufwand, die Barrierefreiheit und die Rutschfestigkeit. «Überraschend sind die Zwischenresultate nicht», sagt Ivan Lötscher, der ursprünglich als Landschaftsgärtner arbeitete und mit den verwendeten Materialien darum bestens vertraut ist. Zu den bisherigen Erfahrungswerten kommen nun erstmals wissenschaftlich erhobene Daten. «Diese Zusammenstellung bietet eine gute Übersicht.»
Verwendete Betonprodukte
– Fixstein Garant, Betonpflaster, Lanicca AG
– Grison, Rasengitterstein, CREABETON AG
– Quadro, Rasengitterstein, CREABETON AG
– Einstein, Rasenliner, Tschümperlin AG
– Rasen-Ökostein, Ökoverbundstein, Silidur AG
– GDM Klimastein, Betonpflaster, Godelmann GmbH & Co. KG
– GDM Terago, Betonpflaster, Godelmann GmbH & Co. KG
Verbesserungen dank ersten Erkenntnissen
Als zusätzliche Orientierungshilfe wurde zu jedem der vier Beläge, die sich bis jetzt am besten bewährt haben, ein Steckbrief erstellt mit detaillierten Infos zu Aufbau, Vor- und Nachteilen, Einsatzmöglichkeiten und Pflege. «Obwohl sich unter den besten Belägen kein Betonstein befindet, lassen sich viele Erkenntnisse auch auf Betonsteinsysteme übertragen», erklärt Ivan Lötscher. «Mit diesem Wissen können Hersteller ihre Produkte gezielt weiterentwickeln.» Beispielsweise könnten Rasenliner so optimiert werden, dass das Substrat weniger ausgewaschen werden kann. Bei gewissen Systemen könnte der Einbau vereinfacht werden und klarere Kanten würden die Barrierefreiheit verbessern.
Das Pilotprojekt in Oerlikon läuft noch bis 2028. Der aktuelle Zwischenbericht ist daher eine Momentaufnahme. Im Verlauf der kommenden Jahre könnten sich die Resultate noch verändern. Die Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt liefern jedoch bereits heute wertvolle Inputs für klimaangepasstes Bauen – und weisen den Weg zum Parkplatz der Zukunft.
Der Zwischenbericht und weitere Unterlagen sind hier zu finden.

