Der Widerspruch ist offensichtlich: Während das Umweltbewusstsein in der Baubranche ein grosses Diskussionsthema ist, beziehen Planer und Bauherren vorgefertigte Betonelemente vermehrt aus dem Ausland oder von weit entfernten Schweizer Produzenten. Dabei wären lokale Anbieter die nachhaltigere und wirtschaftlich sinnvollere Alternative.
Kurze Wege, grosse Wirkung
Die Gründe für den Bezug von Bauelementen über weite Distanzen sind vielfältig. Manchmal sind es die attraktiv wirkenden Preise, die durch Massenproduktion im Ausland erzielt werden, die Planer und Bauherren dazu bewegen, solche Produkte einzusetzen. Gelegentlich spielen auch langjährige Geschäftsbeziehungen oder die Verfügbarkeit spezifischer Produktpaletten eine Rolle. Im Kontext der Nachhaltigkeit halten all diese Argumente einer genaueren Prüfung jedoch nicht stand. Die scheinbar günstigeren Preise werden durch die Umweltauswirkungen langer Transportwege – sei es per Schiff, Bahn oder Lastwagen – zunichtegemacht. Jeder zusätzliche Kilometer bedeutet einen erhöhten Kraftstoffverbrauch und damit einen höheren CO₂-Ausstoss, der direkt dem Projekt zugerechnet werden muss. Auch die Belastung durch Lärm und Feinstaub in den Transitregionen sind nicht zu unterschätzen.
Ein regional hergestelltes Betonelement hingegen, das nur wenige Kilometer bis zur Baustelle zurücklegt, verfügt über einen wesentlich geringeren ökologischen Fussabdruck. Dazu kommt die Tatsache, dass unsere lokalen Produzenten ihre Rohstoffe fast ausschliesslich aus der Region beziehen. Kies, Sand, Zement: sie sind in der Schweiz ausreichend verfügbar. Der Bewehrungsstahl, der bei uns eingesetzt wird, ist ein komplettes Recyclingprodukt, das aus regionalem Schrott hergestellt wird. Der Fokus auf eine regionale Lieferkette wäre somit ein direkter und messbarer Beitrag zur Reduzierung der Umweltauswirkungen und zur Erreichung der Klimaziele.
Lokale Partnerschaften fördern
Über den reinen CO₂-Fussabdruck hinaus bietet die Zusammenarbeit mit lokalen Produzenten viele Vorteile, die alle Aspekte der Nachhaltigkeit berücksichtigen – in ihrer ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimension:
– Stärkung der lokalen Wirtschaft: Jeder Auftrag an einen regionalen Betrieb stärkt die Wertschöpfung vor Ort. Das sichert Arbeitsplätze, generiert Steuereinnahmen und fördert die Attraktivität der Region.
– Kürzere Lieferketten und höhere Flexibilität: Kurze Wege bedeuten nicht nur weniger Emissionen, sondern auch eine höhere Zuverlässigkeit und flexiblere Reaktionen bei der Lieferung.
– Förderung von regionalem Know-how: Lokale Betriebe verfügen über ein umfassendes Verständnis der regionalen Gegebenheiten, der spezifischen Materialeigenschaften und der Bautraditionen. Dieses Wissen führt zu massgeschneiderten und qualitativ hochwertigeren Lösungen.
– Bessere Kommunikation und Zusammenarbeit: Die geografische Nähe erleichtert den persönlichen Austausch zwischen Bauherren, Architekten und Produzenten. Das fördert die Effizienz und verringert Missverständnisse.
– Transparenz und Vertrauen: Bei lokalen Anbietern ist die Herkunft der Materialien und die Produktionsbedingungen transparenter. Dies schafft Vertrauen und ermöglicht eine bessere Nachverfolgbarkeit des gesamten Lebenszyklus von Betonelementen.
– Reduktion von Ressourcenverbrauch: Kurze Transportwege sparen nicht nur Kraftstoff, sondern reduzieren auch den Verschleiss an Infrastruktur und Fahrzeugen.
Für eine faire Regionalwirtschaft
Um die Situation nachhaltig zu verbessern, sind auch die Produzenten gefordert. Eine gesunde, faire Regionalwirtschaft lebt von gegenseitigem Vertrauen und der bewussten Entscheidung, Wertschöpfungsketten zu optimieren. Hierfür sollen die Hersteller Folgendes beachten:
– Zurückhaltend sein bei überregionalen Angeboten: Indem lokale Produzenten den Fokus auf ihr verankertes Einzugsgebiet legen, tragen sie massgeblich zur Reduzierung unnötiger Transportwege bei.
– Investition in regionale Kapazitäten: Statt auf Massenproduktion für den überregionalen Markt zu setzen, können Produzenten in die Optimierung ihrer lokalen Produktionsprozesse investieren und ihr Serviceangebot für die unmittelbare Umgebung verbessern.
– Nachhaltigkeit als Argument kommunizieren: Lokale Produzenten können die Umweltvorteile ihrer kurzen Lieferketten und regionalen Wertschöpfung aktiv und transparent kommunizieren, denn viele Bauherren und Planer sind sich der vollen Tragweite nicht bewusst.
Das Resultat: eine Win-Win-Situation
Die Akteure der Bauwirtschaft sind dazu aufgerufen, ihre Praktiken kritisch zu hinterfragen und die Nachhaltigkeit nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Materialbeschaffung ernst zu nehmen. So ergibt sich schliesslich eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten:
– Für Bauherren ist dies nicht nur ein Beitrag zum Umweltschutz, sondern auch eine Stärkung des regionalen Standorts und meist auch eine bessere Kontrolle über das Projekt.
– Für Architekten eröffnen sich neue Möglichkeiten, Bauwerke mit einem geringeren ökologischen Fussabdruck zu gestalten und innovative Lösungen mit regionalen Materialien zu entwickeln.
– Für General- und Totalunternehmer sowie Baumeister bedeutet es eine Vereinfachung der Logistik, eine höhere Planungssicherheit und die Möglichkeit, sich als nachhaltiger und verantwortungsbewusster Partner zu positionieren.
